Essay: Ermöglichungsarchitektur
Ermöglichungsarchitektur. Für eine Technologie der Improvisation
Die Beziehung von Musik und Architektur hat eine lange und intensive Historie. Das überrascht, sind die phänomenologischen Differenzen zwischen den Disziplinen doch sehr groß: Musik kann als ephemer, immateriell gelten wohingegen Architektur physisch, statisch in Baukörpern festgeschrieben ist usw.
Kern der Beziehung zwischen Musik und Architektur spielt sich daher eher auf der Metaebene eines strukturellen, formal-logischen Zusammenhangs ab, den wir als Komposition bezeichnen können: das Austarieren von Proportion, Form, Harmonie, Rhythmus. In beiden Künsten wird besonderer Wert auf die Kompositionsweise, auf das „digitale“ (numerische) Konzept, die mathematische Grundlage gelegt, die zur Planung des architektonischen und musikalischen Werks führen soll. Dies zeigt sich in den bekannten Beispielen der ionischen oder dorischen Säulenordnung der griechischen Antike (die von bestimmten Tonleiterproportionen abgeleitet wurden) ebenso, wie in der Fassade des Pallazo de Rucellai, die Alberti nach Intervall- Verhältnissen strukturiert hat. Wir können dann mit Schlegel sagen: „Architektur ist eine musikalische Plastik, Orchestik eine plastische Mimik.“ Ein Autor, ein Genie, vielleicht sogar ein Stararchitekt entwirft, der Rest folgt der Orchestik. Dieser Ansatz ist einem Raum- und Architekturverständnis geschuldet, dass Raum als neutralen Behälter ansieht, in dem, folgend dem Prinzip Figur-Grund, Objekte nach besten Proportionen und Konzeptionen verteilt, orchestriert und realisiert werden. Der Raumtheoretiker Henri Lefebvre nennt dies the Representations of space: Representations of space is conceptionalized space, the space of scientists, planners, urbanists, technocratic subdividers and social enginieers as of a certain type of artist with a scientific bent – all of whom identify what is lived and what is perceived with what is conceived. Der konzeptuierte, geplante Raum, wird nicht nur aus einem Rationalraum der Vernunft heraus auf das Reale aufgesetzt, er wird vielmehr mit dem gelebten und erfahrenen Raum verwechselt, gleichgesetzt.

