Essay: Urbane Deutungshorizonte. Von der qualifizierten Erfahrung

Posted on Juni 2, 2008 in / Serial IFIT / Serial Publications

Megacities – Räume einer beschleunigten Gesellschaft

In seiner Bildfolge „Megacities“ spürt H. G. Esch dem faszinierenden, bunten und vielfältigen Wundern der Städte nach, mit ihren Begegnungen, Geheimnissen, Winkeln der Erinnerung, der Körperlichkeit, den Gerüchen, aber auch der schieren Masse und Größe, den Orten des Kampfes, um Macht, Geld und Anerkennung. Beim nun stattfindenden Übergang von der Produktions- zur Wissensgesellschaft stellen sich für ihn ganz andere, neue Herausforderungen an die Stadt. H. G. Esch versteht die Stadt als Labor, als Tool moderner Gesellschaft, Ökonomien und Kulturen.
Katalog zur Ausstellung “Megacities” im Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten, München, 3.-7. Juni 2008.
(Ausstellungseröffnung 2. Juni 2008, 19 Uhr)
Mit Beiträgen von Christopher Dell, H.G. Esch, Christoph Ingenhoven, Alain Thierstein


Ausschnitt aus dem Essay:

URBANE DEUTUNGSHORIZONTE
Von der qualifizierten Erfahrung

Christopher Dell

Wir werden allenthalben Zeugen eines Kulturpessimismus, der behauptet, die Überflutung mit scheinbar gleichrangigen Informationen in den unterschiedlichsten kulturellen Bereichen führe zum Verlust originärer Erfahrung. Paul Virilio spricht gar von einer Ästhetik des Verschwindens, in der sich flüchtige, instabile Bilder, und mit ihnen die Qualität von Raum und Zeit im Fluss stetig ineinander konvergierender Bewegungen verlieren. Gerade Städte stehen in diesem Kontext als Synonym für eine anonyme Gesellschaft, deren subjektbezogenen Besonderheiten sich in nichts aufgelöst haben. Man könnte deshalb auch Stadtbilder, wie jene von H. G. Esch, als Betonung der permanenten Selbst-Auflösung von Stadt lesen.

Das Gegenteil davon scheint mir jedoch der Fall zu sein. Wenn es uns gelingt, die Seite des Betrachters von der passiven Rezeptionshaltung zur aktiven Gestaltungsebene zu transferieren, und das scheinen diese Bilder zu fordern, merken wir, dass die Exponate von einer Möglichkeit eines kritischen Subjekts zeugen, das neue Sehmuster des sozialen Alltags und der Alltagswahrnehmung entwickeln kann.

Dieses Wahrnehmungsangebot erzeugt ein Erfahrungsfeld, das uns die experimentelle Aktivität des Deutens von Stadt als Ort sozialer Interaktion nicht nur eröffnet sondern auch von uns einfordert. H. G. Eschs Fotografien sind gleichsam Projektionsraum, zu dem wir sowohl ein distanziertes als auch ästhetisches Verhältnis einnehmen können. Wenn wir Photographie mit Vilém Flusser als konkretisierende, bildermachende Geste verstehen, die funktioniert als ob man den eigenen Träumen von außen zusehen könnte, ließe sich also eine dem landläufigen Kulturpessimismus konträr gestellte Sicht entwickeln. Dann gewänne der Umgang der Stadtakteure mit den Phänomenen der urbanen Welt Bedeutung. Nicht sagen uns die Kunstwerke, wie wir die Stadt zu sehen haben, sondern sie laden uns dazu ein, selbst im Zusammenspiel kommunikativer Potentiale und Deutungsweisen des Urbanen zu entdecken und zu entwickeln.

Dann verliert auch die vielbeklagte Delegierung gestalterischer Arbeit an die Apparate ihren Sinn. Für den Fotografen kommt es vielmehr darauf an, in seiner Positionierung, in der Suche nach seinem Ort eine Spur dessen zu legen, was für uns, als Betrachter der Werke immer mitschwingt: Die Aufgabe einen Ort der eigenen Haltung zu finden, zu kreieren. Auseinandersetzung mit den Kunstwerken meint dann immer den Konflikt um die eigene Position mit. Und dafür heißt es, sich Zeit zu nehmen. Hannah Arendt bringt Standortbestimmung des Einzelnen in direkte Verbindung mit Zeit. Zeit ist, so Arendt, nicht Kontinuum, sondern sie ist in der Mitte, dort wo der Mensch steht. Der Standort des Menschen ist nicht die Gegenwart, wie wir sie gewöhnlich verstehen, sondern vielmehr eine Lücke in der Zeit, die von dauernden Konflikten, Standpunkt-Beziehungen gegen die Vergangenheit und die Zukunft aufrechterhalten wird.

Wenn wir in diesem Zusammenhang von Zeit sprechen bedeutet das auch, Raumbegriffe zu hinterfragen. Ein von isolierten Objekten, Formen ausgehender Raumbegriff, denkt Bewegung als etwas dem Raum Äußerliches. Er ist deshalb nicht in der Lage, die Qualität von Zeit, von der Produktion von Raum als temporalen Prozess zu integrieren. Für H. G. Esch aber geht es vielmehr darum, Objekte der Stadt in ihrer temporalen Entität zu begreifen und zwar als Stadtlandschaft.