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Interview TU Wien

Posted on Mai 25, 2018 in / Serial IFIT / Serial Publications

Am 28. Mai ist Christopher Dell, Professor für Theorie am Lehrstuhl Urban Design der HafenCity Universität Hamburg, als Gastreferent bei der IPRE Lecture des Instituts für Immobilienwirtschaftliche Forschung der TU Wien. Prof. Dietmar Wiegand hat ihn im Vorfeld um ein Interview gebeten.

In der Ankündigung Ihres Vortrags am 28. Mai sprechen Sie davon, dass sich Leben, Wohnen und Arbeiten in unterschiedlichsten Handlungsformen verbinden. Was bedeutet das für die klassische Stadtplanung, die Flächen für bestimmte Funktionen widmet und ins Privateigentum eingreift, ursprünglich um negative externe Effekte einer Funktion für die andere zu verhindern?

Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass die Funktionstrennung, die noch in die Baunutzungsverordnung eingeschrieben ist und unser Denken über und Planen von Stadt maßgeblich bestimmt, nicht mehr der Lebensrealität der Menschen entspricht, die tagtäglich Stadt machen, erhandeln. Einen Vorschlag, der jetzt in Deutschland angedacht ist, ist ein sogenanntes Urbanes Gebiet auszuweisen, in der die Konflikthaftigkeit und Überlagerung der heutigen Stadt besser zum Ausdruck kommt. Aber diese Verwaltungsmaßnahme ist es nicht allein. Wir brauchen neue Brillen, um überhaupt das was als Stadt geschieht, so lesbar zu machen, dass daraus neue Planungsmethoden erwachsen können. Das bedeutet aber auch, dass sich die Planer nicht mehr ins Büro zurückziehen können, sie müssen raus ins Feld.

Im Fachbereich Projektentwicklung und Projektmanagement der TU Wien wird versucht, durch die Verbesserung der individuellen und organisationalen Kompetenzen und die Verringerung der Informationsassymetrie bei Planer_innen und Projektentwickler_innen das Handeln der beiden Gruppen und damit Stadt zu verändern. Wo passt das zu Ihrem Konzept von Stadt und Handlung und wo nicht?

Da ich das Verfahren noch nicht genau kenne, kann ich dazu nicht urteilen. Aber grundsätzlich halte ich es für sehr begrüßenswert und dringend geboten über neue Verfahren der Organisation nachzudenken und dabei auch den Aspekt des Wissens – der hier in der Informationsassymetrie anklingt – mit zu bedenken. Damit ist auch berührt, was ich oben mit einem neuen Lesen von Stadt angerissen habe.

In Wien wird sehr stark anlassbezogen geplant und seit der Zulässigkeit städtebaulicher Verträge auch ergebnisoffen verhandelt. Ein Ausschnitt der Bürgerschaft bringt individuelle Forderungen auf unterschiedlichen Kanälen aktiv ein. Die Projektentwickler_innen wünschen sich mehr Planung, sprich mehr Planungssicherheit, da Unsicherheit beispielsweise die Kapital- und die Projektkosten erhöht. Grenzen der Unbestimmtheit überschritten oder, nein auch diese Unbestimmtheit braucht es?

Das ist eine komplexe Frage. Ich versuche es einmal. Grundsätzlich ist nichts gegen Planungssicherheit einzuwenden. Wichtig ist aber, wer Zugang dazu hat. Die Investoren oder die Nutzer oder die Stadtverwaltung? Wenn etwa wie es zur Zeit geschieht, unter Förderung Wohnraum gebaut wird, der nicht bezahlbar ist, wer hat dann Sicherheit? Wenn Wohnungen gebaut werden, die einer bestimmten Ideologie der Kernfamilie entsprechen, nicht aber aktuellen Lebensformen, wer hat dann Sicherheit? Es ist also vielschichtig.

Man begegnet hier einem Paradox. Auch wenn Investoren, Staat und Bürger oft gegeneinander ausgespielt werden, so verfolgen sie im Hinblick auf das Wohnen oft der gleichen Ideologie, nämlich der Festschreibung des Wohnens auf geschlossene Identitäten. Wo Investoren Planungssicherheit, der Staat eine geordnete Stadt und die Bürger ein „schönes Wohnen“ wollen, läuft alles auf das Identitäre hinaus. Wenn Investoren Gründerzeit abreißen, aber Bürger Gründerzeit im Beruf auf „historische Qualitäten“ den Erhalt wollen, sind sie, so seltsam es klingen mag, nicht weit voneinander entfernt. Beide blenden Lebensrealität aus. Ob nagelneue Beethoven-Höfe, Mozart-Arkaden gebaut werden oder, wie jetzt im Rechts- oder Linkspopulismus, die gute alte Zeit beschworen, in beiden Fällen verläuft die Argumentation in Gestalt kollektiver Identitäts- und Grenzmarkierungen, der Kampf für das Eigene zum Kampf für die Allgemeinheit hochrechnet.

Die Zuspitzung dieser Entwicklung kommt nicht ex nihilo, sondern hat einen geschichtlichen Hintergrund. Man kann sagen dass es das ist, was man gemeinhin das neoliberale Regime nennt, und das mit Margret Thatchers Ruf: „Es gibt keine Alternative“ seinen Ausgang nahm, das von Seiten des Staates und des Marktes die Kontingenz auszuschalten sucht, während es die Individuen in Unsicherheit entlässt. Die Menschen sehen sich permanent Zwangsimprovisationen gegenüber, deren Übersteuerung in der Planung eines Berliner Flughafens ebenso sichtbar wird wie im Aufstieg des Populismus. Insofern ist die Schaffung experimenteller Formen gefragt, die die Aushandlung des Wohnens und das Erscheinen der aktuellen Lebensformen als Vernunft ermöglichen.

Angesichts dessen ist also Aufklärungsarbeit in Sachen Stadt und Wohnen nötig. Man sollte geschützte Erfahrungsräume schaffen, in denen am Wohnen experimentiert wird. Was hier als Logos, also als zu bauende Wohnformen, erscheinen soll, sind die Lebensformen, die schon da sind. Man braucht agonale Felder der realen Auseinandersetzung, in der das Politische an der Politik, nämlich die Unbestimmtheit, wieder als Ressource modernen Demokratien am Wohnen selbst auftaucht. Hier müssen unterschiedliche Logiken aufeinanderprallen, wie etwa die Logik von Profit und die von Gleichheit oder Brüderlichkeit. Paradoxerweise ist damit das, was man in den 1970er Jahren noch l’art pour l’art bezeichnet hätte, heute für das konstruktive Überdauern moderner Demokratien essentiell geworden.

Eine Gruppe von Studierenden hat im vergangenen Semester versucht auf öffentlichen Freiflächen der Stadt zu spielen. Sie mussten z. B. beim neuen Campus der Wirtschaftsuniversität feststellen, dass die Flächen privat sind und die private Security sehr schnell die zahllosen Verbote durchsetzt. Der Versuch im öffentlichen Straßenraum eine Ausnahmegenehmigung zum Spielen zu erhalten ist noch immer ein bürokratischer Hürdenlauf. Mehr Flächen im Staatsbesitz und Anpassung des Regelwerks?

Auf jeden Fall muss der Staat mehr Flächen vorhalten. Es ist schon seit Ebenzer Howards Gartenstadtidee eine Binsenweisheit, dass Stadtentwicklung, die die Gemeinschaft trägt, zur Teuerung des Bodens beiträgt, an der einzelne profitieren. Es ist also beispielweise das Nachdenken eine verstärkte Rückkehr der Erbpacht dringend in Betracht zu ziehen. Daran schließt eine Anpassung des Regelwerks an, die es erlaubt, neue Wohnformen, die den Lebensstilen entsprechen, zu bauen und zwar so, dass die Standards die Preise nicht in die Höhe treiben. Das Architekturbüro Lacaton & Vassal hat gezeigt, wie hier ganz konkret mit neuer Standardsetzung mehr Wohnraum pro Euro/qm geschaffen werden kann. Dabei ist auch eine neue Ethik gefragt, denn Lockerungen im Baugesetz werden allzu oft zum qualitätsarmen Bauen missbraucht.

Interview: Prof. Dietmar Wiegand 

quelle: homepage TU Wien

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