Essay: Für eine Technologie der Improvisation
„Für eine Technologie der Improvisation“, in: Kluge, Killian, Reisch (Hrsg.), Die Bildung der Zukunft, Suhrkamp Verlag, Frankfurt.
Christopher Dell
„Die Veränderungen, die auf uns zukommen, werden nicht durch geeignete Verwaltungsvorschriften vorbereitet werden können; sie werden vielmehr außerordentliche Anforderungen an die Improvisationsfähigkeit des Einzelnen stellen.“ Hellmut Becker
Für eine Technologie der Improvisation
Sorgte bisher ein Staat in eigenem Interesse für die Bildung seiner Bürger, so wird heute ein neues Rollenverständnis des Interessenausgleichs zwischen Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und dem Staat wichtig. Die Handlungsfähigkeit des Einzelnen ist eng verknüpft mit dem ständigen Engagement, die Welt und ihre Zusammenhänge besser zu verstehen, Interessenströmungen zu erkennen und ausgehend von diesem Verständnis zu handeln. Dabei ist allerdings evident, dass der Einzelne nicht mehr in der Lage ist, alle Lebensbereiche allein zu meistern. Er muss sich Netzwerkstrukturen aufbauen, um transdisziplinär das Feld der gesellschaftlichen Aufgaben zu bespielen. Dazu könnte Bildung einen Beitrag leisten.
Es wäre also zu überlegen, wie eine Hochschule der Zukunft aussehen kann. Dabei wäre Hochschulausbildung nicht nur strukturell zu reformieren. Verschiedenste Ansätze zur inhaltlichen Veränderung und zur Erweiterung des Lehrspektrums müssten diskutiert werden. Die Lehrinhalte und methodischen Ansätze wären weiterhin nicht allein von den leitenden Funktionen aus zu ändern. Es wirft sich die Frage auf, wie Studierende lernen könnten, unter eigener Regie eigenverantwortlich ihr Studium zu strukturieren.
Hintergrund und Ausgangspunkt dieser Fragestellung sind die Situierung und der Horizont intellektueller Praxis im Kontext neuer postindustrieller Ökonomieverhältnisse. Im Zuge der durch ökonomische Kräfte verursachten Veränderung klassischer Definitionen von Arbeit und Arbeitskraft hat eine Verschiebung der Rolle von Kultur, Bildung und Kunst in unserer Gesellschaft stattgefunden. Jedwede Umstrukturierung im Bildungssektor müsste die geschichtliche Analyse dieses Prozesses der Alteration zur Grundlage haben.
Ökonomie und Gesellschaft lassen sich immer weniger trennen. Arbeits- und Produktionszyklen werden in die gesellschaftlichen Orte hineingetragen bei gleichzeitiger Diversifizierung der Produktionsprozesse. Dabei gewinnen die audiovisuellen Industrien wie Computer-Aided Design, Werbung, Marketing, Medien sowie die Kommunikationsdienstleister immer weiter an Bedeutung. Je mehr der Produktionsprozess gegenüber dem Produkt in den Vordergrund tritt, je mehr Information verarbeitet anstatt Energie verwaltet werden muss, werden Menschen als Subjekte gebraucht, die sowohl über intellektuelle, künstlerische und kulturelle als auch technische und manuelle Fähigkeiten verfügen. Disziplinäre Spezialisierung reicht nicht mehr aus. Es kommt darauf an, die Kontextualität, die größeren Zusammenhänge nicht nur zu durchschauen, sondern auch darauf, sie für den Produktionsprozess nutzbar zu machen und improvisatorisch, situativ bespielen zu können.
Voraussetzung hierfür wäre eine übergreifende Metatechnologie des intersubjektiven, kulturellen wie sozioökonomischen Hintergrundwissens, das sich konstant praktisch abgleichen muss. Gefragt wäre eine Technologie der Improvisation. Dieser Improvisationstechnologie wäre es um die Erstellung von Werkzeugen zu tun, die es den produzierenden Subjekten ermöglichen, soziale wie ökonomische Bindungen zu lösen und in einer performativen Dimension neue Bindungen einzugehen und sich so den politisch-öffentlichen Raum neu anzueignen.
Ort einer solchen Metadisziplin könnte z.B. ein Institut für Improvisationstechnologie sein, welches der Universität angeschlossen ist. Seine Aufgaben wären sowohl im operativen wie organisatorischen Bereich zu suchen als auch im inhaltlichen Sektor. Weiterer Punkt wäre die Erarbeitung von Methodenwechseln und Transpositionsleistungen, die sich
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als Voraussetzung für zwischendisziplinäre Bewegungen darstellen;
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die bereits aus den ökonomischen Bedingungen entstandenen emergenten Praktiken in einen kulturell-politischen Entwurf übersetzen, der es den Praktiken ermöglicht, sowohl kulturelle Bedeutung als auch kollektiven Ausdruck zu finden.
Das Neue an dieser Kontextualisierung wäre, dass sie sich auf den Wissensstand der Subjekte begibt, die tatsächlich aktuell intersubjektiv tätig sind und deren Erfahrungswerte sie in einen kulturellen Sinn transponiert, ohne ihn zu fixieren.
Neue Lernmodelle zu entwickeln heißt auch, Abschied zu nehmen vom Studenten als Einzelkämpfer, als neoliberalen Subjekt. Bildung wäre dann nicht mehr nur Repräsentation, sondern Reflexion von Gesellschaft. Denn in einem ökonomisch flexiblen, mehr und mehr mediatisierten Raum werden andere Anforderungen an den Einzelnen gestellt. Originäre, singuläre Leistungen treten zugunsten neuer, improvisatorisch verschalteter Teamfähigkeiten zurück. Hochschulen in der heutigen Form werden dem nicht mehr gerecht. Begründet liegt dies in dem kulturellen Unvermögen der Gesellschaft, neue Definitionen von Arbeit zu entwickeln und einem ökonomischen Prinzip der Verknappung von Arbeit entgegenzuwirken. Der Großteil der künftigen Studienabgänger wird sich seinen Arbeitsplatz selbst improvisatorisch erfinden müssen. Es geht darum, den Studenten zu vermitteln, das gesellschaftlich entstandene Provisorium nicht mehr als Zustand des eschatologisch Zu-Bewältigenden zu denken und zu lesen. Sondern: Das Provisorium ist in der postindustriellen Gesellschaft der Status quo an sich. Die schnelle, reflexive wie aktive Bewegung der arbeitenden Subjekte im Provisorium setzt eines voraus: Improvisation.
Ein Institut für Improvisationstechnologie würde sich um die Einbindung von Praktikern in den Hochschulbetrieb bemühen und solche Kräfte einbinden, die aufgrund ihrer künstlerisch-intellektuellen Praxis und ihres theoretischen Hintergrunds Modelle für ein neues Bild vom Studieren erzeugen können. Man könnte so das Stereotyp des spezialisierten Professionellen durch den despezialisierten Improvisator ersetzen, der im Kontext des Instituts und der Hochschule dazu befähigt wird, sich selbst auszubilden und zu organisieren. Dies in der Einsicht, dass der reine Professionalismus in einem Bildungssystem, das „intellektuelle Konformität ebenso belohnt wie freiwillige Unterordnung unter Ziele, die nicht von der Wissenschaft, sondern von der Regierung gesetzt werden“, uns nicht weiterbringt. Anliegen ist nicht, Professionalisierung kategorisch abzulehnen, sondern Bildung um die Forderung nach einer neuen Improvisationsfähigkeit zu ergänzen. Diese wäre „eher der Sorge und der Zuneigung verdankt … als dem Interesse an Profit und selbstbezogener Spezialisierung.“ Ein Programm kultureller Ausbildung, welches die Maxime einer neuen Improvisation einschließt, würde neue Lehrinhalte und Lernmethoden in zweierlei Hinsicht erfordern und generieren:
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Methoden, die sich mit den Produktionsprozessen und deren Eigenschaften befassen: Improvisation, Experiment, Research sowie das Erarbeiten unkonventioneller Denk- und Handlungsmuster.
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Inhalte, die selbst bei hoher Professionalisierung und Technisierung die Frage nach Ethik, Moral und soziokulturellen Kontexten mit einbeziehen.
Studierende erwerben Qualifikationen und eignen sich Informationen mit Blick auf eine zukünftige berufliche Praxis an. Deshalb müssen wir einbeziehen, dass zum heutigen Stand die Zusammenhänge, in die Wissen eingebettet ist, und die Regeln, nach denen Information erzeugt wird, für die Studierenden ganz andere Aktualitäten einschließen als für ihre fest angestellten Lehrer. Das neue Bildungsziel ist nicht mehr der in ein festes Arbeitsverhältnis eingebundene Spezialist, sondern der „mobile Mensch, der sich immer neue Spezialitäten aneignen kann.“ Da sich die Arbeitsinhalte und Arbeitsgrundlagen rapide ändern, geht es darum, „freie Menschen zu erziehen, die in der Lage sind, die ihnen von der technischen Entwicklung her gegebenen Aufgaben als freie Menschen speziell zu bewältigen.“ Diese frei arbeitenden Subjekte müssen Spezialisten in der Despezialisierung sein und dazu befähigt sein, sowohl in der technischen Anwendung als auch in der wissenschaftlichen Theorie sich mit anderen Spezialisten zu verständigen. Das interdisziplinäre Wissen gewinnt so mehr und mehr an Bedeutung.
In einer Zeit der anhaltenden Expansion der Technokratie und des damit einhergehenden Rückzugs des Individuums vom Engagement in der Gesellschaft könnte Improvisation als Therapeutikum dienen. Das Reparieren, Recyceln von beschädigten sozialen Beziehungen in einem kreativ-spielerischen Umgang mit Letzterem wäre dazu geeignet, einen praktischen Ort des Individuums und seiner intersubjektiven Entfaltung zu schaffen und zu sichern. Es gehört zum Wesen der Improvisation, die Trennung von Handelndem und Behandeltem, von Sender und Empfänger, von aktiv und passiv zu unterlaufen und die Einheit von Handlung und Erfahrung möglich zu machen. Gerade diese Beachtung des Interpersonalen im informellen mimetischen Schirm der Ich-Du-Beziehung führt zu einer strukturellen Beachtung des Wirklichen, welche die der rein rationalen Wirtschaftsfähigkeit weit überschreitet.
Christopher Dell, Improvisator, Köln
