Essay: Struktur und Improvisation

Posted on Juni 9, 2006 in / Serial IFIT / Serial Publications

„Struktur und Improvisation“, in: build, Das Architektenmagazin,1/2006/6. Jahrgang.

Von der städtebaulichen Wende: Struktur und Improvisation

Struktur und Improvisation gehören zusammen. Das ist neu. Nach dem mentalen Modell der industrialisierten Gesellschaft galt für uns Improvisation als strukturloses Etwas, welches nur dann entsteht, wenn ein Plan fehlschlägt. Wenn aber, und dies ist immer mehr der Fall, Kontingenz und Ausdifferenzierung zum status quo jener Gesellschaftsform wird, die Henri Lefebvre die ‚urbane Gesellschaft’ nennt, dann muss Improvisation neu gedacht werden: Improvisation im Modus 2 wird dann zu der Bewältigungsstrategie aktueller Lebensweisen. Und zwar als strukturnutzende, situative Überschreitung des Plans. Improvisation im Modus 2 ist nicht die Beschönigung eines Scheiterns sondern Anerkennung der Beweglichkeit des situativen Raums. Das bedeutet auch, dass wir neu über das mentale Modell von Architektur im allgemeinen und Stadt im besonderen nachdenken. Aus diesem Denken emergiert aktuell das, was ich als städtebauliche Wende, als urbanistic turn bezeichnen möchte. Dieses Denken erkennt an, dass das Phänomen Stadt in einen prozessualen Kontext gebettet ist, der nicht als Objekt, als abgeschlossenes Produkt interpretiert werden kann. 

‘Die’ Architektur – das heißt die architektonische Produktionsweise – weist kein ihr innewohnendes Wesen auf, das sich im Verlauf der Zeit kontinuierlich entfaltet und dabei die Schranken des Vorherigen durchbricht. Es macht daher Sinn Architektur hier als das nicht voraussagbare Ergebnis einer durch das Aufeinandertreffen von heterogenen Kräften, Vektoren bewirkten Artikulation diskreter Elemente zu erklären, deren Verhältnis in der Folge andauernder Variation unterliegt. Architektur ist dann in einem bestimmten Raum unter bestimmten komplexen, historischen Konditionen entstanden. Ebenso wird sein Verschwinden in einer anderen Struktur, d.h. die Neuformierung seiner Elemente, das Ergebnis einer Neuartikulation sein, sei es in der Form eines Bruchs oder einer Permutation. 

Wir brauchen einen Begriff von Stadt, der von den dynamischen Transformationen als aktivem Prozess aller an Stadt beteiligten spricht. Wenn wir von den Reglern der drei Grundparameter von Architektur; Form, Funktion und Struktur ausgehen, gilt es, im neuen Mix den Regler für Struktur hochzufahren. Daraus folgt, den  Begriff von Identität für den der Kohärenz einzutauschen. Wir könnten dann von dem Versuch der Erzeugung eines coherent state anhand von Improvisation sprechen. Denn: Improvisation erzeugt Handlungen, die in zweierlei Hinsicht adäquat sind. Adäquat sind sie zum einen dem situativen Kontext, zum anderen den Subjekten der raumproduzierenden Gruppe. Es ist dies jedoch auch über die Produktion hinaus auszudehnen. Wenn wir Rossi ernst nehmen, und das «artefact» als Erscheinung, als tatsächliches Dasein des Produzierten, reicht der Begriff der Produktion hier nicht weit genug. Es geht heute um Performanz. Das das tatsächliche, alltägliche Dasein als Raum ist etwas Performatives: es spricht uns an als Produziertes, Dargestelltes und Erhandeltes.

Das mentale Modell von Improvisation impliziert, dass Zeit zur Koordination dessen, was durch Zeit für uns an Realität gewinnt, in Anspruch genommen wird. Wenn wir nun die aktuellen, scheinbar zusammenhangslosen Bewegungen von Stadt im Modus der Improvisation interpretieren, können wir die Bewegungen wieder als das sichtbar machen, was sie eigentlich sind: polyrhythmische Aneignungen und Produktionen von Raum, die in der Zeit komplex miteinander verschaltet sind. Das Denken in improvisatorischen Prozessen impliziert jedoch nicht, dass auf das Objekt kein Bezug mehr genommen wird, im Gegenteil; allein: es wird über das Objekt hinaus gedacht. Der Verweis auf das gebaute Objekt ist dann als Form der Inspiration im Hinblick auf neue mentale Modelle hin zu interpretieren. Damit ist Handlung nicht ausgeschlossen, sondern eröffnet sich in einer neuen Dimension. 

Aber: bedeutet Improvisation nicht, dass soziale Akteure nur noch partikularistische Ziele verfolgen? Diese Argumentation wäre zu kurz gedacht. Es emergiert vielmehr als Improvisation eine eine Form des Verhältnisses zwischen Universalismus und Partikularismus, die aus Bewegungen sich konstituiert, die innerhalb des Systems von Alternativen sich zeigen, die gleichzeitig von ihnen produziert werden. 

Machen wir uns also daran, neue Situationen von innen zu erzeugen, und so Räume eines anderen Möglichen im Gegebenen zu eröffnen. Ziel ist es, als Technologie der Improvisation eine Ermöglichungs-Didaktik zu erfinden die die Metaräume von Stadt neu organisiert. Und da geht es zuvorderst um Fragen der Einstellung und des Bewusstseins. Denn: der Erfolg einer Intervention hängt von dem inneren Ort ab, aus dem heraus die Intervenierenden handeln. Handeln als architektonische Praxis wird, mit den Methoden der Improvisation, zum Sein als Transformation innerer Haltung.

Christopher Dell, Performer und Autor, Leiter des Instituts für Improvisationstechnologie, IFIT, Berlin